Pfeils Abschreckungsdramaturgie
( J.G.B. Pfeil. Vom Bürgerlichen Trauerspiel: in Neue Erweiterungen der Erkenntnis und des Vergnügens, Bd.6,31 St. Leipzig, 1755)[1]
Pfeil entwickelt seine Konzeption einer Abschreckungsdramaturgie des bürgerlichen Trauerspiels durch die Auseinandersetzung mit der heroischen Tragödie. Er zielt auf eine Verknüpfung von Mitleidserregung und Abschreckung ab. Dabei setzt er die Abschreckung vor dem Laster und die damit ausgelöste Abscheu als unverzichtbar voraus.
„Die Hauptabsicht des Trauerspiels ist, Schrecken und Mitleid zu erwecken, oder wenn man lieber will, die Tugend auch ohngeachtet ihres Unglücks liebenswürdig und das Laster allezeit verabscheuungswürdig vorzustellen [Pfeil, 174]
„Man hält gemeiniglich den Hauptzweck der tragischen Bühne, Schrecken und Mitleid zu erregen. Ich weiß nicht, ob dieser Endzweck nicht noch vorzüglicher klingen würde, wenn man saget, die Tugend verehrungswürdig und beliebt und das Laster verächtlich und verabscheuungswürdig zu machen. Die Schaubühne würde alsdann wenigstens einer Schule der Sitten noch ähnlicher seyn, als wenn sie bloß zur Absicht hat, zu erschrecken, oder zu Mitleid zu bewegen. Unterdessen ist auch allemal gewiß, daß wir das Laster nicht leichter eher hassen werden, bis wir vor der Abscheulichkeit desselben erschrocken sind, und daß uns die Tugend alsdenn am liebenswürdigsten vorkömmt, wenn sie uns Thränen abzwingt.“ [Pfeil, 177]
Durch den dramatischen Text, sollen Mitleid und Schrecken bzw. Hingabe an die Tugend und Abscheu vor dem Laster erreicht werden.
„Wir vereinigen unsere Thränen mit den Thränen der Mariamme, welche das Unglück hat, einen Barabr zum Gemahl zu haben; und wir sollten unempfindlich seyn bey den Leiden einer bürgerlichen tugendhaften Frau, welche so unglücklich ist, die Ehegattin eines verführten Spielers geworden zu seyn? Verdient der Barnwell, der sich mit dem Blute eines liebreichen Vetters bespritzt, wenige Abscheu als der Brutus, der dem Cäsar den Dolch in die Brust stößt?“ [Pfeil, 175]
„Der unglückliche aber tugendhafte Held in dem heroischen Trauerspiel suchet also unsere Seele in ein sanftes Mitleiden zu versetzen. Der unglückliche aber tugendhafte Bürger in dem bürgerlichen Trauerspiele suchet unsere Thränen mit eben dem Eifer und erhält sie vielleicht eher, weil sein Stand eine größere Gleichheit mit uns hat. Der lasterhafte Held verdient unsern Abscheu und Haß und wir sind damit nicht gelinder gegen den lasterhaften Bürger; ja wir sind vielleicht noch strenger, weil sein Laster von keiner Krone beschützet wird, und weil unsere Eigenliebe einen der uns an Stande gleich ist, in ihm zu verdammen hat. [Pfeil, 177f.]
Was macht Pfeil nach, die Erregung von Affekten aus? Welches ist der entscheidende Punkt der zu einer moraldidaktischen Wirkung führt?
à Nicht der Stand ist entscheidend, sondern die Schuldposition
Zudem sieht Pfeil in der „Gleichheit“ des Standes, eine die Wirkung verstärkende Funktion, da eine stärkere Identifikation mit den Figuren auf der Bühne möglich sei. Diese wird dadurch jedoch auch zur eigentlichen Voraussetzung für die moralische Dimension der Abschreckung, die Pfeil hervorhebt.
„Ich behaupte ernstliche, daß das bürgerliche Trauerspiel erstlich unser Herz weit stärker rührt und hernach auch weit eher zu bessern fähig ist, als die übrigen Gattungen der Schaubühne. Ich glaube daß es uns mehr rührt, weil es unserer Eigenliebe mehr schmeichelt. Wir erblicken in dem heroischen Trauerspiele ein Unglück, welches uns die Umstände derjeniegen Sphäre in welcher wir leben, nicht so leicht befürchten lassen. Was ist natürlicher als daß wir auch auch gleichfalls das Mitleiden nicht so stark empfinden, als wir es fühlen würden, wenn wir dieses Mitleiden in einem ähnlichen Falle nöthig zu haben, besorgen müßten. Ein Prinz verliert seine Krone […] Es ist wahr, alles dieses erweckt Mitleiden in uns. Allein wir haben weder eine Krone zu verlieren, wir werden niemals in die Umstände […] gerathen. Folglich fühlen wir diese Unglücksfälle nur halb. Ganz anders ist es in dem bürgerlichen Trauerspiele. Die Unglücksfälle die wir hier erblicken, haben wir oft selbst empfunden, oder wir sind sie doch ncoh wenigstens alle Tage zu empfinden fähig. Wir kennen die Last derselben genau. Wir bedauern in den unglücklichen Personen oft uns selbst. Wir sind desto verschwenderischer mit unserem Mitleiden gegen sie, weil wir es oft für billig halten, daß man es auch gegen uns nicht spare, wenn wir wirklich dergleichen Unglücksfälle erfahren sollten. Mich däucht, dieß sey genug gesagt, zu beweisen, daß das bürgerliche Trauerspiel allemal mehr rühren werden, als das heroische.“ [Pfeil, 183]
Die Gleichheit der Umstände führt dazu, dass die Mitleidserregung verstärkt wird. In der Furcht um sich selbst sieht Pfeil jedoch eine sittliche Gefahr. In der Moraldidaktik des bürgerlichen Trauerspiels wird nicht der Mitleidseffekt, sondern ein Abschreckungseffekt benötigt.
„In dem bürgerlichen Trauerspiele hingegen erblicken wir unsere eigenen Laster. Wir sehen, daß uns oft nur noch einige wenige Schritte fehlen, um eben der Bösewicht zu sein, der uns auf dem Theater vorgestellt wird. Wir können nicht anders, wir müssen anfangen, wegen unserer eigenen Person zu zittern, so bald wir ihn gestraft sehen. Unser Stolz, der in dem heroischen Trauerspiele Laster erblickete, die ihm fehleten, wird gedehmüthiget, da er uns in dem bürgerlichen Trauerspiele uns genauer kennen lehret.“ [Pfeil, 183]
Die Wirkung beruht somit auf dem Effekt der Abschreckung. Dem Mitleid wird nur die Funktion einer Anregung zur Tugend zugeschrieben; es erfährt damit eine rein unterstützende Funktion. Ohne die Dominanz der Abschreckung käme es zu einer Einschränkung der bessernden Wirkung des Trauerspiels. Der Bürger wird daher weniger wegen der stärkeren Mitleidswirkung, sondern wegen der adressatenbezogenen Abschreckungswirkung benötigt.
„Dem meisten Theile der Zuschauer, wird das Lust- und das heroische Trauerspiel mehr gefallen als das bürgerliche. Warum? das erstere belustiget; das andere zeiget uns in den schlimmen Charakteren unser eignes Bildniß, und in dem guten eine Tugend, die wir besitzen könnten und sie doch nicht besitzen; Was ist natürlicher, als daß wir es hassen.“ [Pfeil, 188]
Das Bürgerliche Trauerspiel wird so nicht im Programm eines sich emanzipierenden Bürgertums verstanden, sondern will vor allem ein Lehrprogramm sein, das mit einer Abschreckungsästhetik arbeitet.
[1] Mönch, Cornelia. Abschrecken oder Mitleiden: das deutsche bürgerliche Trauerspiel im 18. Jahrhundert. Versuch einer Typologie. Tübingen: Niemeyer, 1993. 13-19.
Briefwechsel über das Trauerspiel[1]
Der Briefwechsel über das Trauerspiel ist die private Korrespondenz zwischen Moses Mendelson, Friedrich Nicolai und Gotthold Ephraim Lessing. 1756 beginnt die Korrespondenz mit einem Brief Lessings an Nicolai in dem Lessing „eine Menge unordentlicher Gedanken über das Trauerspiel“ ankündigt, die von Nicolai für seine Abhandlung zum Bürgerlichen Trauerspiel verwendet werden können. Das Ende wird generell mit dem 14. Mai 1757 angegeben, als Nicolai einen Brief an Lessing schreibt, der die Ergebnisse und offenen Fragen der Diskussion auflistet.
Den Ausgangspunkt der Diskussion macht Nicolais Abhandlung vom Trauerspiel. Darin möchte er Hinweise geben, wie eine möglichst effektvolle Tragödie geschrieben werden kann.
Wichtig ist dabei der Punkt, dass sich Nicolai mit seiner Auffassung gegen die Tragödientheorie der Gottschedschule richtet, die den Zweck des Trauerspiels darin sehen, einen moralischen Satz zu veranschaulichen.
Nicolai sieht den Hauptzweck der Tragödie jedoch nicht in einer Verbesserung der Sitten, sondern in der Erregung von Leidenschaft. Der Mensch erfährt nach Nicolai, die tiefsten emotionalen Erschütterungen durch den Schrecken und das Mitleiden. Damit bleibt Nicolai ganz in der aristotelischen Tradition, fügt jedoch noch die Bewunderung hinzu, die für ihn ebenfalls eine gefühlsmäßige Reaktion ist.
Mit dem Konzept, die Kunst erst einmal von den moralischen Verpflichtungen zu lösen, stellt sich Nicolai auch gegen die Auffassung Pfeils, der die Gefühle innerhalb eines Tugend-Laster-Schemas funktionalisiert wissen möchte.
Die Liebe zur Tugend und die Abscheu vor dem Laster können zwar auch durch die Tragödie erreicht werden doch darf man die momentane Gefühlswallung nicht mit der Tugend selbst verwechseln. Nicolai kommt es so auf eine Trennung von Gefühl und Tugend an, da die moralisierende Wirkung in seinen Augen nur eine zufällig, aber nie die wesentliche Absicht der Tragödie sei. Seine Trennung zwischen Kunst und Moral ist für Nicolai nur deshalb gültig, weil die sittlichen Normen für ihn einen absoluten und unantastbaren Status haben.
Es handelt sich also nicht wie bei der l’art pour l’art Bewegung, um eine Loslösung der Kunst von der Moral.
Zusammenfassend bleibt die Kernthese bei Nicolai, dass Ziel und Zweck des Trauerspiels in einer Erregung der Leidenschaften liegen und nicht in einer katharsischen Absicht. An dieser Stelle widerspricht Lessing jedoch, da er im Gegenzug die Symbiose von ästhetischer, emotionaler und moralischer Wirkung gewahrt wissen möchte. Anstelle der Leidenschaften erhebt Lessing das Mitleid zum alleinigen Wirkungsziel der Tragödie dem er damit die alleinige moralisierende Kraft zuweist. Damit erweckt Lessing jedoch den Widerspruch Mendelssohns.
Für Mendelssohns ist die Nachahmung der Leidenschaften und Handlungen in der Tragödie ein sinnliches Abbild des Strebens nach Vollkommenheit und den Hindernissen die der Mensch auf dem Weg zur Vollkommenheit überwinden muss. Damit trifft sich Mendelssohn zumindest in einer Erkenntnis mit Nicolai. Wie bei diesem wird auch hier, die ästhetische Ebene von der Ebene der symbolischen Erkenntnis abgekoppelt. Den Schritt zur wahren Vollkommenheit leistet bei Mendelssohn jedoch nicht das Gefühl, sondern die Vernunft, die hierbei über Gut und Böse entscheidet. Gefühle und Vernunft gelangen damit weder bei Mendelssohn noch bei Nicolai in der Kunst zur Deckung. Dem Ästhetischen wird keine Erkenntnisleistung zugestanden. Die heroische Tragödie erweckt vielmehr Bewunderung, da der Held das moralisch Gute über das physisch Gute erhebt. Dadurch wird Bewunderung erzeugt, die die Erkenntnis der Vervollkommnung anschaulich macht.
Lessings Wirkungslehre unterscheidet sich davon in drei wesentlichen Punkten.
1) die Tragödie hat für ihn eine unmittelbare moralische Wirkung
2) aufgrund des Mitleids das sie erweckt, da das Mitleid den Menschen auch ohne die Erkenntnis der Vernunft bessert
3) Lessing lehnt die Bewunderung als eigenständige Leidenschaft ab, da sowohl Schrecken als auch Bewunderung bei ihm dem Mitleid untergeordnet werden.
Die Tragödie soll daher bei Lessing die Fähigkeit Mitleid zu fühlen erweitern. Für ihn ist der mitleidigste Mensch der beste Mensch, da er durch seine Fähigkeit des Mitfühlens allen Tugenden gegenüber der aufmerksamste ist.
Lessings Mitleidskonzeption unterscheidet sich grundlegend von der Affektregie der zeitgenössischen Trauerspiele, die auf die Liebe zur Tugend und die Abscheu vor dem Laster abzielen. Durch das Mitleid wird eine Einteilung der Personen in lasterhaft und tugendhaft unterbrochen.