Auf dieser Seite finden sich Themen und Begriffe, die als grundlegend für das Bürgerliche Trauerspiel gesehen werden können.

Das bürgerliche Trauerspiel

Trauerspiel mit nicht-heroischem Personal, seit der Mitte des 18. Jhs.

 

Das BT formuliert sich vor allem durch seine Opposition zur klassischen Regelpoetik und der heroischen Tragödie im Besonderen.

 

Merkmale:

 

1)      Wegfall der Ständeklausel. Orientierung an Figuren aus der Sphäre des niederen Adels oder des Bürgertums. Die Protagonisten sind dabei nicht mehr mythologisch/geschichtlich beglaubigte Erscheinungen.

2)      Die Figuren sprechen Prosa anstelle des Alexandriners (älterer Standardvers des Trauerspiels). à Diese Änderung geht jedoch vermutlich auf eine, durch das Aptum (Stilhöhe: Verssprache für den „hohen Stil“) bedingte, Vorgabe der Regelpoetik zurück.

3)      Damit einher gehen auch weitere Regelverstöße der klassizistischen Dramatik, insbesondere gegen die Einheit von Ort und Zeit à dadurch oftmals auch die Bezeichnung als unregelmäßiges Trauerspiel.

4)      Themen und Probleme stammen aus der bürgerlich-privaten Wertewelt, vor allem aus der Familie. Handlungskatalysatoren sind dabei in erster Linie Abweichungen von der Geschlechtermoral sowie Probleme materieller Art. Als Ethos wird die Empfindsamkeit vorausgesetzt.

 

Begriffsgeschichte:

 

Obwohl im Konnotationsraum von „bürgerlich“ ‚nicht-adelig’/’nicht-bäuerlich’/’städtisch-bürgerlich’/’wirtschaftsbürgerlich’ enthalten sind, bezieht sich der Begriff in seiner Programmatik auf das Moment des ‚Allgemein-Menschlichen’ à daher spielen viele „bürgerliche“ Stücke auch im klein- und landadeligen Milieu.

 

Johann Christoph Gottsched: Versuch einer Kritischen Dichtkunst

Johann Christoph Gottsched

* 2.2.1700 Judittenkirchen bei Königsberg

+ 12.12.1766 Leipzig

 

Hierbei handelt es sich um eine Poetik, die zunächst der Leipziger „Deutschübenden Gesellschaft“ als poetologische Grundlage dienen sollte, wendet sich nicht nur gegen die Barockdichtung der schlesischen Schule, sondern bricht auch mit den Regel- und Anweisungspoetiken des 17. Jhs. Stattdessen möchte er das wahre Wesen der Dichtkunst erschließen und daraus die Regeln unter denen Dichtung entsteht ableiten.

Das im Titel enthaltene „critisch“ verweist hierbei auf den Anspruch Gottscheds, seine Dichtungslehre auch philologisch zu fundieren. Dazu entwickelt er seine poetischen Regeln in Anlehnung an die Methode der philologischen Deduktion Christian Wolffs. Im Kern seiner Poetik steht die Nachahmung der „wahren aristotelischen Natur“ und die von Horaz in der Ars Poetica aufgestellte Formel des „aut prodesse volunt et delectare poeta“.

 

Das Werk ist in zwei Teile gegliedert; es werden zwölf Kapitel Theorie und zwölf Kapitel mit Abgrenzungen literarischer Gattungen und Zweckformen aufgestellt. Dabei ist die scharfe Trennung zwischen den einzelnen Formen besonders auffällig.

 

Für Gottsched bedarf der Dichter für sein Schaffen nicht nur Einbildungskraft und Phantasie, sondern auch Scharfsinn, Gelehrsamkeit und Geschmack (dieser ist dabei durch Regeln der Vernunft festgelegt). Im Zuge frühaufklärerischen Vernunftdenkens stellt er dabei die formulierten Regeln mit den Gesetzen der Natur gleich. Nur durch ihre Beachtung lässt sich in seinen Augen eine vernünftige Nachahmung der Natur erreichen. Mit dieser Nachahmung ist jedoch keine realistische Wirklichkeitsnähe gemeint, da der „Naturnachahmung“ (in Anlehnung an Wolffs Naturbegriff) enge Grenzen durch Kriterien des guten Geschmacks, moralischer Absichten sowie einer Abwertung jedes Außergewöhnlichen und Wunderbaren gesetzt sind. Das dennoch enthaltene Moment des Fiktiven begründet er im Rückgriff auf die von Leibniz und Wolff entwickelte Lehre von „nicht realisierten, jedoch hypothetisch möglichen Welten“.

 

Seiner Naturnachahmung liegt so das Prinzip der Wahrscheinlichkeit zugrunde. Dieses hat folgende Auswirkungen:

1)      Er beharrt auf dem Prinzip der Einheit von Ort, Raum und Zeit

2)      Er verurteilt jegliches göttliches Eingreifen

3)      Er wendet sich gegen einen allzu überhöhten Stil und wertet die Prosa als künstlerisches Ausdrucksmedium auf, hält aber an der traditionellen Trennung von niederen, mittleren und hohem Stil fest

4)      Er hält weiterhin das Epos für die höchste Form der Dichtkunst[1]

 

Die poetische Welt wird damit für ihn zu einer eigenen Welt und die Dichtung damit zu einem autarken Gebilde.

Zum Stichwort Trauerspiel findet sich folgende „Formel“ zum erstellen einer Tragödie:

 

Der Poet wählet sich einen moralischen Lehrsatz, den er seinen Zuschauern auf eine sinnliche Art einprägen will. Dazu ersinnt er sich eine allgemeine Fabel, daraus die Wahrheit eines Satzes erhellet. Hiernächst suchet er in der Historie solche berühmte Leute, denen etwas ähnliches begegnet ist: und von diesen entlehnet er die Namen, für die Personen seiner Fabel; um derselben also ein Ansehen zu geben. Er erdenket sodann alle Umstände dazu, um die Hauptfabel recht wahrscheinlich zu machen: und das werden die Zwischenfabeln, oder Episodia nach neuer Art, genannt. Dieses teilt er dann in fünf Stücke ein, die ohngefähr gleich groß sind, und ordnet sie so, daß natürlicher Weise das letztere aus dem vorhergehenden fließt; bekümmert sich aber weiter nicht, ob alles in der Historie wirklich so vorgegangen , oder ob alle Nebenpersonen wirklich so, und nicht anders geheißen haben.“[2]

 

Die Reformbestrebungen Gottscheds sollen zu einer Vertreibung des Hanswursts der italienischen und

französischen Stegreifkomödie und hin zu der Einführung regeltreuer und sittenstrenger Schauspiele führen.

Empfindsamkeit[1]

 

Mit dem Begriff der Empfindsamkeit ist ein:

1) gesteigertes

2) bewusstgemachtes

3) positiv bewertetes

4) genossenes Fühlen

bezeichnet, das sich in der deutschsprachigen Literatur etwa ab 1740 gattungsübergreifend finden lässt. Trotz Nachwirkungen, die bis ins 19. Jahrhundert hineinreichen, bleibt die Empfindsamkeit eingebunden in den Kontext der Aufklärung und ist innerhalb des 18. Jahrhunderts von Rokoko und Sturm und Drang abzugrenzen.

Begriffsgeschichte:

Empfindsamkeit im allgemeinen Sinn bedeutet: die Fähigkeit Empfindungen zu haben.

Dabei ist jedoch zu unterscheiden zwischen einer sinnlichen Empfindung, die durch äußere Gegenstände hervorgerufen wird, und einer inneren Empfindung, die auf bloße durch Vorstellungskraft entstandene Empfindungen abzielt.

Der Begriff stellt einen grundlegenden Wandel von der, Gefühle unterdrückenden, stoischen Haltung der „Apathie“ oder „Ataraxie“ dar, die in Barock und früher Aufklärung noch eine normative Funktion einnahm.

Inhaltlich nehmen neben den durch Natureindrücken ausgelösten Gefühlen, die „geselligen“ Gefühle eine Vorrangstellung ein. Dabei handelt es sich vor allem um:

1)      Gefühle der Freundschaft

2)      der Liebe

3)      des Mitleids

Diesen Gefühlen wird eine hohe moralische Qualität zugesprochen.

Sachgeschichte:

Die Empfindsamkeit setzt in der deutschsprachigen Literatur 1740 mit den poetologischen Schriften Bodmers und Breitingers ein. Diese verstehen in Abkehr von Gottscheds Regelpoetik Dichtung als einen Ausdruck seelischer Bewegung und damit den Zweck der Dichtung darin seelische Bewegungen auszulösen.

Beim Drama sind es Rührendes Lustspiel und Bürgerliches Trauerspiel, die auf die Herstellung einer Gefühlsgemeinschaft zwischen Dramenfiguren und Publikum abzielen, die dabei zugleich ein Bewusstsein gemeinsamer Tugend und Menschlichkeit ist.



[1] Jürgen Viering, „Empfindsamkeit“ (438 – 441) in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, de Gruyter 2003, 438.

Eine Antwort schreiben