Gotthold Ephraim Lessing: Miss Sara Sampson[1]

 

Das bürgerliche Trauerspiel, wie auch rührende Komödien, führen durch das Auftreten von Figuren aus der bürgerlichen Schicht und der damit verbundenen Darstellung familiärer und ständischer Konflikte dieses Bürgertums zu einer Entheroisierung und Entypisierung des Theaters. Die auf der Bühne dargestellte bürgerliche Familie, die meist durch eine starke Vaterfigur und die gefährdete Tochter charakterisiert wird, verkörpert das Gegenbild zu einer höfischen, durch Intrigen und Kalkül gekennzeichneten Welt, indem der von Liebe und Gefühl getragene Umgangston, sowie die Betonung individueller Werte hervorgehoben werden.

 

Das Stück  Miss Sara Sampson spielt in England am Ende des 18. Jahrhunderts. Der aus der höfischen Elite stammende Mellefont hat Miss Sara Sampson, die tugendhafte Tochter Sir William Sampsons, entführt, um mit ihr nach Frankreich zu fliehen und sie dort zu heiraten. Aufgrund einiger Verwicklungen, die das Erbe eines Vetters betreffen, kann das Vorhaben jedoch nicht gleich in die Tat umgesetzt werden, da Mellefont das Erbe nur dann antreten kann, wenn er eine seiner Verwandten heiratet. Da Mellefont und die dafür vorgesehene Verwandte einander jedoch abgrundtief hassen, soll statt der Heirat ein Vergleich, der die Teilung des Erbes zum Inhalt hat, die prekäre Lage klären. Um die letzten Neuigkeiten in dieser Sache abzuwarten macht Mellefont in einem Gasthaus halt.

Dem Paar ist dabei jedoch nicht nur der Vater Saras, dem die Flucht der beiden nicht unbemerkt blieb, auf der Spur, sondern auch Lady Marwood, die ehemalige Geliebte Mellefonts, die diesen durch die Anwesenheit der gemeinsamen Tochter Arabelle erweichen und so zurückgewinnen will.

 

Tatsächlich kommt es auch zu einer Aussprache zwischen der ehemaligen Gelibeten und Mellefont. Dabei erklärt dieser ihr jedoch, dass er niemals zu ihr zurückkehren werde. Lady Marwood gibt jedoch nicht auf und erreicht, nachdem sie erfolglos versucht hat Mellefont zu erstechen, dass sie Sara von Mellefont unter dem Deckmantel eines falschen Namens vorgestellt wird.

Es kommt zu einem Gespräch mit der Rivalin in dem Lady Marwood, nachdem Sara ihr ihre Tugendvorstellungen dargelegt hat, schließlich gezwungen ist, ihre Identität preiszugeben und anschließend Gift unter die Arzneien der ohnmächtig gewordenen Sara mischt. Im weiteren Verlauf verschlechtert sich der Gesundheitszustand Saras zunehmend. Kurz vor ihrem Tod tritt auch der Vater hinzu, der in Mellfonts Reaktion auf den sich ankündigenden Tod Saras erkennt, dass die Liebe Mellefonts nicht gespielt ist und verzeiht sowohl Sara als auch Mellefont.

Sara hingegen vergibt, trotz der durch sie erfahrenen tödlichen Vergiftung, Lady Marwood und bittet überdies ihren Vater sich Mellefonts und Arabellas anzunehmen. Diesen Edelmut vor Augen bleibt es Mellfont verwehrt, Rache an Lady Marwood zu nehmen. Dennoch findet er weder die Kraft sich selbst zu verzeihen, noch ist er in der Lage das Angebot von Saras Vater, ihn wie einen Sohn aufzunehmen, anzunehmen. Stattdessen bleibt ihm in diesem schuldgeladenem Spannungsfeld nur die Option sich selbst das Leben zu nehmen. Er erdolcht sich und findet erst durch den anstehenden eigenen Tod die Kraft selbst um Gnade zu bitten und nimmt sterbend die väterliche Liebe William Sampsons an. William nimmt sich nach dem Tod Mellefonts Arabellas an und erkennt jedoch auch, dass für die Flucht seiner Tochter wohl auch seine strenge Erziehung verantwortlich war.

 

Elektronischer Volltext:

http://www.zeno.org/Literatur/M/Lessing,+Gotthold+Ephraim/Dramen/Mi%C3%9F+Sara+Sampson ( 12.05.2008 )

Als E-Book bei Project Gutenberg

http://www.gutenberg.org/ebooks/9157 ( 12.05.2008 )

Weitere Informationen:

In der Typologie des Bürgerlichen Trauspiels kommt Lessings Miss Sara Sampson eine Sonderrolle zu. Anstelle der Abschreckungs-Dramaturgie, die zwischen 1730 und 1800 vorherrscht und bei der über die lasterhaften Bürger gerichtet wird, folgt Lessing einer Mitleidsdramaturgie, die jedoch kein Gerechtigkeitsmodell, sondern eine Schulung der Sensibilität zum Ziel hat. An Stelle des Urteils tritt hier die Einsicht im Angesicht des plötzlichen Verhängnisses, die damit neben der Einsicht auch zu menschlicher Würde und Solidarität führen soll. Daher steht am Ende des Stücks auch nicht die gesühnte Schuld, sondern die bußfertige Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit.[1]

Die Hauptfiguren in Miss Sara Sampson gehören der Sphäre des niederen Adels an. Zum Bürgerlichen Trauerspiel wird das Stück, dadurch, dass eine tragische Handlung aus einem Familienkonflikt geformt wird. Das private Schicksal wird somit aufgewertet, da es für wichtig genug erachtet wird um die tragischen Affekte wie Schrecken, Mitleid und Bewunderung zu erregen.

Zärtlichkeit ist einer der Begriffe, die Miss Sara Sampson prägen. Auf der Ebene der bürgerlichen Familie wird das allgemein Menschliche entdeckt und die familiäre Bindung als Ausdrucksform von Werten gesehen denen eine ständeübergreifender Geltung zugeschrieben wird. Distanz soll abgebaut werden und anstelle dieser Distanz eine Identifikation und ein Mitempfinden erreicht werden. [2]


[1] Wilfried Barner et.al. (Hg.), Gotthold Ephraim Lessing Werke 1754-1757, Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag (2003), 1214ff.

[2] Monika Fick, Lessing Handbuch. Stuttgart: Metzler (2000), 124f.

 


[1] Hoffmann Volker, „Miss Sara Sampson“(325-326) in: Jens Walter (Hg.) Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler 1990, 325f.

George Lillo – The London Merchant or, The History of George Barnwell

 

Trauerspiel von George Lillo in fünf Akten, das am 21.06.1731 am Drury Lane Theatre uraufgeführt wurde. [1]

 

Synopsis:

George Barnwell ist ebenso wie sein Freund Trueman ein tugendsamer junger Mann und wie dieser in den Diensten des gutherzigen und erfolgreichen Londoner Kaufmanns Thorowgood. Es steht ihm sogar in Aussicht, der Schwiegersohn des Kaufmanns zu werden, da dessen Tochter Maria recht angetan von ihm ist. Nichtsdestotrotz lässt sich Barnwell auf die kaltblütige Kurtisane Milwood ein, für die es ein leichtes ihn zu umgarnen. Sie macht ihn zu ihrem Liebhaber und bringt ihn, indem sie ihm bittere, unverdiente Not vortäuscht, dazu, dass er aus Mitgefühl Thorowgood bestiehlt. Im weiteren Verlauf verstrickt sich George immer weiter in ein Netz aus Schuld und Laster und gerät zunehmend unter Druck. Obwohl die Kaufmannstochter ihm durch die Einbringung ihrer Ersparnisse aus dieser Situation heraushelfen will kommt diese Hilfe zu spät, da George bereits unter dem Einfluss Milwoods seinen reichen Onkel umgebracht hat. Die beiden werden daraufhin zum Tode verurteilt.

Doch während die adelige Milwood auf dem Weg zum Schafott keine Gemütsregung zeigt, weint und büßt der verführte Bürgerssohn, dem sein Dienstherr unter Tränen der Rührung bereits vergeben hat, bis zu seiner Hinrichtung.

 

Zeitgeschichtliches:[2]

Mit dem Stück The London Merchant macht sich Lillo zum Fürsprecher eines Standes, der bis dato als der hohen Tragödie nicht würdig empfunden wurde. Zwar gab es bereits mit dem anonym veröffentlichten Arden of Feversham (1592) einen ersten Versuch eines, auf Ebene der Mittelklassen spielende Trauerspiels[3], doch leitet The London Merchant den Wandel von der Tragödie zur „domestic tragedy“ ein.

Die positive Aufnahme des Stücks von Seiten des Publikums, lässt sich dabei vor allem auf die moralisierende Gegenüberstellung von Gut und Böse, die Unwahrscheinlichkeiten der Handlung und auf die typisierten Figuren zurückführen. Entscheidend für die melodramatische Wirkung war dabei allein das sentimentale Erlebnis eines Bürgerschicksals.



[1] Eckart Stein, „The London Merchant“ in: Jens Walter (Hg.) Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler 1990, 5795.

[2] vgl. ebd

[3] vgl. John Mc Rae und Ronald Carter, The Routledge History of Literature in English, Routledge 2001, 128f.

 

 Johann Christoph Gottsched:  Der sterbende Cato[3] (als Musterstück)

 

Dieses Stück Gottscheds, das sich in Anlehnung an seine Poetik, unter strenger Wahrung der Einheit von Zeit-Raum-Ort, in einer Verbindung von Alexandriner und Paarreim darstellt, berichtet vom Selbstmord des römischen Republikaners und letzten Cäsargegners Cato Uticensis (95 – 46 v.Chr.). Das Stück thematisiert vor allem die rigorose Tugendhaftigkeit mit der Cato die republikanische Idee verteidigt (und dabei sogar so weit geht, fremde Hilfe aus Tugendgründen abzulehnen z.B. ein Bündnis mit dem Partherkönig, da Cato jegliche Form der Alleinherrrschaft verabscheut) und gegenüber der er sich in einer Pflicht zum Kampf gegen den Zerstörer der Republik, Cäsar, sieht.

 

Obwohl das Stück nach heutigen Gesichtspunkten ungelenkt und spröde wirkt ist es sehr erfolgreich. Trotz Kritiker wie zum Beispiel Lessing, die dem Stück jeden Wert absprachen. Zwar lässt die Entfaltung einer bürgerlichen Gefühlskultur das Stück bald schon antiquiert erscheinen, doch erreicht Gottsched mit seiner Poetik und dem Versuch die deutsche Bühne zu reformieren wesentlich zu einem Umbruch mit beigetragen.

 

Durch die in seiner Poetik formulierten verbindlichen Vorgaben der Einhaltung von Ort, Handlung und Zeit sowie eines „moralischen Lehrsatzes“ stellt Gottsched das Theater als eine erzieherische Anstalt in den Dienst bürgerlicher Aufklärung und das obwohl auch bei ihm noch die Tradition höfischer Dichtung wirksam ist.



[1] Kindler Neues Literaturlexikon

[2] Johann Christoph Gottsched: Versuch einer critischen Dichtkunst. Vierte, sehr vermehrte Auflage. Leipzig: Breitkopf 1751. S. 611.

[3] Volltext unter: http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=930&kapitel=1#gb_found

 

 

 

 

 

 

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